Kaffee
Ich berrsche im Großen und Ganzen die Techniken und Sitten, die in unserer Gesellschaft nötig sind. Nicht das ich behaupten würde, ich könne das alles gut, was sich im Prozess der Zivilisierung an Tätig- und Fertigkeiten herausgebildet hat. Aber ich bin bspw. in der Lage, am Morgen aufzustehen und aus der Fülle von Möglichkeiten zielsicher und augenscheinlich mühelos ein Set von Bekleidungsgegenständen zu wählen, die mich gegenüber anderen Mitgliedern der Gesellschaft als grundsätzlich zugehörig ausweisen. Ein paar andere Signale, bspw. eine gewisse studentische Gesinnung, sende ich vermutlich auch aus, unterstützt durch großzügige Rasurintervalle, aber die Herausforderung des morgendlichen Ankleidens beherrsche ich sicher, obwohl es ja heute viel komplizierter ist als in der Steinzeit. Das einzige Fell überziehen war ausreichend und los ging’s.
So bin ich auch in der Lage die Regeln des modernen Straßenverkehrs einzuhalten und das komplexe Geflecht aus Verkehrsmitteln zur Fortbewegung und Zielerreichung einzusetzen, mich alltäglich über das Weltgeschehen zu informieren, Kontakt aufzunehmen so ich das möchte usw.. Es gibt jedoch alltägliche Handlungen, die mir, obwohl immer und immer wieder wiederholt, nicht gelingen wollen. An ihnen wird deutlich, wie komplex die Anforderungen unserer Welt sind und wie leicht man als Mensch im Allgemeinen und ich hier im Besonderen scheitern kann. Die Unbeherrschbaren schreien einen geradezu an: Fühl’ dich bloß’ nicht sicher! Irgendwann bricht alles zusammen und du wirst dich an uns erinnern und dir sagen, dass es hier angefangen hat! Armageddon!
Eindeutig zu den Bruchstellen der modernen Zivilisation, so wie ich das beurteilen kann, gehört das Umfüllen einer handelsüblichen Packung Kaffee (1 Pfund) in eine beliebige Vorratsdose. Das habe ich mittlerweile wohl einige hundert Male gemacht. Und immer wieder scheitere ich daran. Noch nie ist es mir gelungen, den Transfer des Getränkepulvers auch nur annähernd verlustfrei zu Wege zu bringen. Meistens jedoch landet ein Großteil der gemahlenen Delikatesse an den unterschiedlichsten Stellen, nicht jedoch an dem vorgesehenen Warteplatz. Was mich besonders irritiert ist, dass die böse Macht die dahinter steckt ständig neue Wege ersinnt, wie sie mir das Kaffeepulver entreißen kann. Mal scheitere ich schon gleich zu Beginn. Ruckartiges Entfernen der, mit Werbebotschaften bedruckten und mich mit Hinweisen zur einfachsten Öffnungsmethode verhöhnenden Papierummantelung bspw. führt zu einer schwer aufzufindenden Beschädigung des glitzernden Innenlebens, aus dem dann langsam aber zielsicher das Pulver auf Küchenboden und -anrichte niederrieselt. Bin ich unfallfrei bis zur Silberfolie vorgedrungen, scheitere ich oft an deren Öffnungsmechanismus. Mal muss man die Schweißnaht auseinanderziehen. Mal nicht. Manchmal geht es sehr schwer, so dass man mit einem Ruck eine weit über notwendige Eröffnung einhergehend mit einem regelrechten Auf-links-drehen der Verpackung erreicht, verbunden mit annäherndem Totalverlust des geschätzten braunen Goldes. Manchmal geht’s gar nicht.
Dann kommt der gefürchtete Einsatz der Schere. Man muss wohl ein alter und weiser Shaolin-Mönch sein, um zu durchschauen mit welcher Schnitttechnik man nicht gleich wieder eine unkontrollierte Kaffeeflucht auslöst, aber eben ein Ausschütten innerhalb eines annehmbaren Zeit- und Zielrahmens ermöglicht. Aber selbst wenn ich durch Glück in der Lage war, all dies zufriedenstellend zu bewältigen, also einschüttbereit vor meiner Vorratsdose stehe, sind die Gefahren nicht gebannt. Nun kommt die Statik ins Spiel. Wie bei einem Frachter auf See kann es meiner Erfahrung nach beim Kaffeemanöver zu plötzlichem Verrutschen und damit zur Havarie kommen. Die Kaffeedose begibt sich dann schnell in viel zu stark seitwärts geneigte Lage, bis der Dosenboden im Lot zur Oberfläche der Anrichte steht, so dass sich schon überführtes Kaffeepulver wieder auf den Weg hinaus begibt, freilich ohne sich neuerlich in die Obhut der werkseitigen Verpackung zu begeben. Stattdessen strebt es hinaus in die Freiheit, meistens in jene Ecken deren Verunreinigung sofort störend auffällt UND deren Säuberung im Plan des großen Allesbestimmers nie vorgesehen war, zum Beispiel volle, geöffnete Besteckschubladen.
Dem Teil des Kaffees, der zum Zeitpunkt der Havarie noch in der Verpackung seiner Bestimmung harrte, ergeht es nicht besser, denn der Knall der fallenden Dose, der Schmerz eines, die Finger im Nagelbett treffenden Dosenverschlusses oder die plötzliche Ausweichbewegung, mit der ich versuche das Hineinrieseln von Pulver in Schuhe und Socken zu verhindern, eröffnet dem Silberschlauch ein kurzes, unkontrolliertes Gelegenheitsfenster, was dieser dann auch umgehend dazu nutzt, sich selbst auf Abwege und Rutschpartien zu begeben. Schließlich verliert sich auch hier ein Großteil des Lebensmittels im Küchennirvana.
Ich könnte noch stundenlang so weiter machen und erzählen, wie mich Pulver in Dosen füllen überfordert und wie genau das Verhältnis des Menschen zum Pulver in der Lage ist die letzten Fragen der Menschheit klären zu helfen, aber ich höre gerade, der Kaffee ist fertig.
Über diesen Beitrag
Du liest “Kaffee”, einen Beitrag auf Fredson’s Blog.
- Veröffentlicht:
- 20.02.08 / 15.18 Uhr
- Tags:
- Wehklage
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