Dan Brown: Diabolus
Ich lese mittelprächtig viel, aber nur selten fiktive Literatur. Warum weiß ich auch nicht, vielleicht weil ich da immer unterschwellig das Gefühl von Zeitverschwendung habe, ist die reale Welt doch komplex und undurchsichtig genug. Da beschäftigt man sich doch besser mit Lektüre, die einem ihr Verständnis erleichtert anstatt den realen Lebenskosmos auch noch um einen fiktiven zu erweitern.
Hin und wieder schlägt sich ein Roman dann aber eben doch bis zu mir durch, sei es im Urlaub, wo Zeitverschwendung ausdrücklich erwünscht ist oder wenn er unter’m Tannenbaum liegt oder jemand mehrmals darauf besteht, dies oder jenes müsse man unbedingt gelesen haben (Harry Potter z.B.). Zweiteres war der Fall mit Dan Browns Diabolus. Dan Brown ist auch Autor des Da Vinci Code, der offensichtlich von der gleichen Affenbande die auch Filmtitel übersetzt in Sakrileg umgetauft wurde. Es geht darum, dass der Horchdienst der Vereinigten Staaten, die streng geheime National Security Agency einen Supercomputer unterhält, der in der Lage ist handelsübliche 64-bit Keys in kurzer Zeit zu entschlüsseln. Das Problem ist, zumindest vordergründig, dass ein durchgeknallter Programmierer einen Superverschlüsselungsstandard entwickelt hat, der superer zu sein scheint, als die Leistung des Supercomputers auszuhalten in der Läge wäre. Die superintelligente Chef-Kryptographin versucht dieses Problem in den Labors der NSA zu lösen, ihr Lebensgefährte in Sevilla, dem Ort an dem der durchgeknallte Programmierer leider plötzlich verstorben ist, ohne den geheimen Code für den seinerseits verschlüsselten Verschlüsselungsstandard herauszurücken.
Ich hab’ den Roman schnell durchgehabt, er war auch unterhaltsam, wenn gleich ein wenig prüde und für meinen Geschmack nicht brutal genug. Quasi kein Sex. Viele Tote, aber irgendwie recht steril. Alles in allem könnte man daraus einen Actionfilm drehen, der dann auch später im Abendprogramm öffentlich-rechtlicher Anstalten läuft. Vielleicht hatte der Autor das ja auch im Sinn, schließlich liegt der Verkauf der Filmrechte für einen Bestsellerautor als lukrative Einnahmequelle ja gleichsam auf der Hand. Den NSA-Part dreht man billig in Prag, die Sevilla-Geschichte je nach Kassenlage in Spanien oder Hollywood. Morgan Freeman gibt den (schwarzen) NSA-Direktor, Avril Lavigne spielt in ihrer ersten Hollywood-Rolle eine Rotzgöre (kommt im zweiten Drittel vor), vielleicht Ben Affleck oder sein Kumpel Matt Damon als Agent wider Willen in Spanien und irgendso’ne Blondine gibt die Chef-Kryptographin. Das passt.
Das Problem des Romans dürfte jedoch auch der Film haben: Es geht um Dinge, die man eigentlich nicht filmen kann. Verschlüsselungsstandards, Hackerangriffe, Systemadminstration. Jeder Versuch das darzustellen, sei es durch Visualisierung (heruntertickende Uhren, ablaufender Programmcode etc.) oder durch die Gespräche der Protagonisten wirkt auf die, die sich ein wenig damit auskennen lächerlich banal oder auf die, die nicht die geringste Ahnung von Computersystemen und -netzwerken haben vollkommen unverständlich und -vorstellbar.
Dan Brown hat sich, verständlicherweise, will er das Buch doch an möglichst viele Leser bringen, tendenziell für’s Banale entschieden. Beispiel? In der Stunde höchster Not muss die superintelligente (IQ: 170 !) Kryptographin (sprich: Mathematikerin) im Internet eine wichtige Information finden. So weit so gut. Es folgt dieser Dialog mit einer Systemtechnikerin (zur Information: Wir befinden uns in einer High-Tech Kommandozentrale des geheimsten und teuersten Geheimdienst der Welt, im Dienste der letzten verbliebenen Supermacht, den Vereinigten Staaten; Lieber Lübbe Verlag, bitte nicht gleich verklagen, ich fand’ das Buch echt gut und ihr seid die größten Holzmörder Verleger seit Gutenberg):
Susan stupste Soschi an. “Ich muss ins Internet Habt ihr hier am Terminal einen Browser?” Soschi nickte. “Wir haben Netscape. Erste Sahne.” Susan nickte Soschi aufmunternd zu. “Dann wollen wir mal surfen.”
Da geht gerade so mehr oder weniger die Welt unter und die unterhalten sich über den Browser? Die eigentlich interessante Frage wäre doch gewesen, ob dieser Terminal eine aktive Internetverbindung hat und wenn nicht, welcher dann? Aber der Browser? Fehlte nur noch, dass die beiden Damen sich darüber unterhalten, ob der Bildschirmhintergrund mit dem Mund gemalt wurde oder die Aufnahme aus dem letzten Urlaub stammt.
Ich will ja denen, die das Buch noch lesen wollen nicht zu viel verraten, aber die eigentliche Bedrohung geht am Ende von einer schweren Hackerattacke aus. Dabei fressen sich die Angreifer durch eine sehr unvollständig als Firewall bezeichnete Barriere. Deren Abschmelzen und damit den Erfolg der Hacker können die Techniker offensichtlich sekundengenau voraussehen, so dass die Protagonisten am Schluss dramatisch gegen einen unerbittlichen Countdown kämpfen, bis zur Rettung in letzter Sekunde. Das ist einfach Schwachsinn. Was, wenn einer der Angreifer von seiner Mutter angerufen wird, eine Tasse Kaffe auf seiner Tastatur verschüttet oder einfach in die Schule muss? Dieser Hackerangriff ist auf jeden Fall ziemlich frei von Sachkenntnis beschrieben worden.
Unzählige Filme sind an der Darstellung von Bits und Bytes schon gescheitert, es sieht eben einfach nicht spektakulär aus. Und würde ich mehr Romane lesen, wüsste ich vermutlich auch Beispiele für in gleicher Weise an der Darstellung solcher Zusammenhänge gescheiterte Bücher. Warum ist das so? Kaum eine, nein, sicher keine Gemeinschaft tauscht sich doch so intensiv und ständig schriftlich aus wie Programmierer, User, Administratoren oder wie sich das sonst so nennt. Da muss es doch möglich sein, auch in einem Buch oder in einem Film einen Hackerangriff jenseits heruntertickender Uhren darzustellen und den Romanhelden nicht solche Kinderdialoge unterzuschieben.
Über diesen Beitrag
Du liest “Dan Brown: Diabolus”, einen Beitrag auf Fredson’s Blog.
- Veröffentlicht:
- 07.01.06 / 16.36 Uhr
- Tags:
- Bewegte Bilder, totes Holz
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